Vorwort von CrisHam
Jonathan S. Tobin ist Chefredakteur der israelisch-amerikanischen Nachrichtenplattform JNS, Jerusalem News Syndicate. Er ist ein engagierter Vertreter des konservativen amerikanischen Judentums und Verteidiger authentischer westlicher Werte gegen Wokismus, Islamismus sowie gegen einen Zeit-Ungeist, der uns den Niedergang der Bildung, einen ausufernden Vorschriftenstaat, verfehlte Migrations- und Integrationspolitik und eine ebenso tiefe wie absurde gesellschaftliche Spaltung in Links und Rechts, Juden und Nichtjuden eingetragen hat.
Ich habe Jonathan Tobin darum gebeten, seinen Artikel zu den tiefgreifenden Veränderungen nach dem Massaker vom 07. Oktober 2023 in gekürzter Form veröffentlichen zu dürfen, weil an diesem Tag nicht nur Israel angegriffen wurde, sondern unsere gesamte westliche Zivilisation.
Das haben jedoch weder die Politiker in Israel, noch in den übrigen westlichen Staaten erkannt, geschweige denn danach gehandelt. Der Schaden ist immens - eine tiefe Spaltung innerhalb der Bürgerschaft in Rechte und Linke, in Israelbefürworter, Israelkritiker und offene Antisemiten.
Die dreisprachige Veröffentlichung des Artikels von Jonathan S. Tobin soll einen Beitrag zur Verständigung leisten, um die beschädigte Solidarität zwischen Juden und Nichtjuden innerhalb der westlichen Zivilisation erneut zu festigen.
Der hier vorgestellte Artikel stellt eine autorisierte Kurzversion dar. Die Erstveröffentlichung des englischen Originalartikels erfolgte am 02.10.2026 auf JNS.org: https://www.jns.org/opinion/column/jonathan-s-tobin/the-vacation-from-jewish-history-is-over-for-americans
Der Urlaub von der jüdischen Geschichte ist für Amerikaner vorbei
Jonathan S. Tobin
Die Auslöschung von Juden und ihre Darstellung als Bösewichte dürfen nicht ignoriert werden. Der Anstieg des Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 ist kein Missverständnis, das verschwindet, wenn der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu abgewählt wird.
Es begann nicht am 7. Oktober 2023. Und es wird auch in den kommenden Jahren nicht enden. Der Wandel in der Einstellung gegenüber Juden lässt sich auf tausend verschiedene Arten messen. Doch was hier geschieht, lässt sich weder ignorieren noch glaubhaft leugnen. Die wichtigste Frage dabei ist, in welchem Maße Judenhasser, die bereits beginnen, die Linke zu dominieren – und die möglicherweise auch auf der Rechten Fuß fassen könnten –, politische Macht erlangen können.
Ebenso wichtig ist das Dilemma, vor dem die Zielscheiben all dieser Feindseligkeiten stehen. Es geht darum, wie das amerikanische Judentum – eine Bevölkerungsgruppe, die in praktisch allen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft fast vollständige Akzeptanz erlangt hatte – auf einen Wandel reagiert. Sie werden nun wieder mit Verachtung, Misstrauen und Feindseligkeit behandelt, was ihre Urgroßeltern und jede Generation von Juden seit 2.000 Jahren als Normalzustand hingenommen hatten.
Die Illusionen verfliegen
Die veränderten klimatischen Bedingungen für Juden in der amerikanischen Gesellschaft anzuerkennen, bedeutet nicht einzuräumen, dass sich die Vereinigten Staaten als nur eine weitere vorübergehende Station in der Geschichte der Diaspora erweisen werden. Der amerikanische Sonderweg (American Exceptionalism) steht unter Beschuss von Progressiven, die sich im Krieg gegen die westliche Zivilisation befinden und die kulturellen und philosophischen Quellen der Freiheit niederreißen wollen. Dennoch ist er noch nicht völlig besiegt. Die meisten Amerikaner lehnen die Verteufelung von Juden und Israel nach wie vor ab.
Auch wenn wir uns an antisemitische Rhetorik in Medien und Kultur gewöhnt haben, ist es für Juden nicht an der Zeit, ihre Koffer zu packen. Ein Schiff zu verlassen, das zwar Wasser genommen hat, aber noch nicht sinkt, wäre ein Bärendienst für die Gemeinde wie für die Traditionen der amerikanischen Freiheit.
Dennoch wäre es töricht, nicht anzuerkennen, dass sich die Realität der Nachkriegszeit, in der das amerikanische Judentum florierte, während der Antisemitismus an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde, zum Schlechteren verändert.
Die gekaperten Institutionen
Progressive und Islamisten haben die Institutionen der amerikanischen Bildung – von den Schulen bis zu den Eliteuniversitäten – sowie Kunst und Popkultur weitgehend besetzt. Diese Institutionen sind zu Orten geworden, an denen toxische Ideen wie kritische Rassentheorie (Critical Race Theory), Intersektionalität und Siedlerkolonialismus eine Gefahr für das gesamte Land darstellen.
Sie teilen die Welt strikt in „weiße Unterdrücker“ und „Farbige“ (People of Color) als deren Opfer ein. Da sie Juden fälschlicherweise als Mitglieder der Unterdrückerklasse brandmarken, sind die Konsequenzen unmittelbar. Aktivisten nutzen die Eskalation des Krieges gegen den jüdischen Staat nicht nur dazu, Juden zu stigmatisieren und zu schikanieren, sondern auch, um sie aus Bereichen wie dem höheren Bildungswesen und dem Kulturbetrieb zu verdrängen.
Gleichzeitig geht eine andere Bedrohung von der extremen Rechten aus. Rechtsgerichtete Antisemiten haben zwar nicht die politische Macht ihrer linken Pendants erlangt, aber ihre lauten Stimmen im digitalen Raum haben einen überproportionalen Einfluss auf junge Menschen. Sollte sich dieser Einfluss in der Führung der Republikanischen Partei festsetzen, wird die Gefahr von rechts auch die US-israelische Allianz und die Sicherheit der Gemeinde gefährden.
Der Bruch mit dem amerikanischen Sonderweg
Der globale Antisemitismus-Anstieg trifft verschiedene Länder unterschiedlich. In Europa haben fast alle Nationen zu verschiedenen Zeiten Juden vertrieben oder verfolgt; dass dort der Krieg gegen Israel als Vorwand für Judenhass dient, ist bestürzend, aber historisch nicht überraschend. Dasselbe gilt für muslimisch geprägte Nationen, in denen Juden traditionell als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden.
Doch die Vereinigten Staaten waren stets anders. Juden erfuhren hier fast nie staatliche Diskriminierung und waren von Beginn an gleichberechtigte Partner. Das ist Grund genug, die Flucht zu verweigern und stattdessen durch Entschlossenheit im öffentlichen Diskurs sowie durch rechtliche und politische Maßnahmen für den Erhalt dieser Sicherheit zu kämpfen.
Immer mehr amerikanische Juden erkennen, dass sie sich nicht mehr auf ihre früheren Verbündeten auf der Linken verlassen können. Sie wissen, dass die gegenwärtige Situation sie zwingt, neue Bündnisse unter konservativen Christen und Republikanern zu suchen, die sich als verlässliche Freunde erwiesen haben.
Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass das jüdische Leben in den USA einen dramatischen Wandel durchläuft. Die Nachkriegs-Flitterwochen, in denen Juden universell akzeptiert waren, sind vorbei. Bewaffnete Sicherheitskräfte vor Synagogen und Schulen sowie das Ablegen sichtbarer jüdischer Symbole zeigen diesen Wandel deutlich. Es entsteht das Gefühl, dass Juden von weiten Teilen der Kultur mit Feindseligkeit wahrgenommen werden – ein radikaler Bruch in der gelebten Erfahrung bisheriger Generationen.
Stolz, Identität und Zukunft
Noch vor einem Jahrzehnt zeigten Umfragen, dass 94 Prozent der amerikanischen Juden stolz darauf waren, jüdisch zu sein. Dies stand in starkem Kontrast zur Ära vor dem Zweiten Weltkrieg, als viele Juden versuchten, ihre Identität aus Scham oder Angst zu kaschieren. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war das Jüdischsein mit hohem Ansehen verbunden; der universelle Philosemitismus behandelte Juden als Vorzeigeminderheit des „amerikanischen Traums“. In einer Kultur jedoch, in der Juden als Unterdrücker gebrandmarkt werden, kann dieser Zustand nicht fortbestehen.
Wie wird das US-Judentum auf diesen gewaltigen Wandel reagieren? Viele verharren noch im Schock oder suchen Ausflüchte. Einige werden versuchen, ihrer Verbindung zu den angegriffenen Juden zu entkommen, indem sie ihre Identität verbergen oder die Narrative ihrer Gegner übernehmen.
Andere hingegen erkennen den Kontrast zwischen der Passivität traditioneller Organisationen und dem Widerstandswillen der Israelis. Sie werden beginnen, mit allen Mitteln der Demokratie für ihren Platz in Amerika zu kämpfen.
Diejenigen, die Sicherheit als obersten Wert suchen, werden scheitern. Doch Juden, die erkennen, dass ihre Tradition sie zu etwas Kostbarerem drängt – zu Freiheit und dem Mut, sich von Modeströmungen abzuheben –, werden bestehen. Der Kern des Judentums bestand schon immer in der Weigerung, sich vor den Götzenbildern des Zeitgeists zu verbeugen. Der Urlaub von der jüdischen Geschichte nach dem Holocaust mag vorbei sein, aber die jüdische Erzählung geht weiter. Wer den Mut hat, standhaft zu bleiben, wird auch dieses Kapitel der Geschichte mit Würde überstehen.