Die Taliban haben bereits 2001 kapituliert – doch George Bush führte einen Krieg um Öl und ein Imperium

Von CrisHam, 31. Mai 2026

Ein rascher Sieg hätte enorme taktische Schwierigkeit mit sich gebracht: Ohne Feind, gegen den er kämpfen kann, müsste er seine Streitkräfte im Nahen Osten demobilisieren und nach Hause zurückholen.

Autor: Richard W. Behan

Erstveröffentlichung des englischen Originaltextes am 18.08.2021 auf commondreams.org

 

Vorwort 

CrisHam

Dieser Artikel von Richard W. Behan stellt ein wichtiges Zeitdokument dar, aber weniger, weil er mitten im chaotischen amerikanischen Abzug aus Afghanistan im August 2021 geschrieben und veröffentlicht wurde. Was ihn so wertvoll macht, ist vielmehr die Beweisführung für eine von den Mainstream-Medien verheimlichte skandalöse Wahrheit: Der im Oktober 2001 gestartete Militäreinsatz hätte bereits fast 20 Jahre früher beendet werden können, und zwar siegreich.

Behans Analyse konnte noch nicht das ganze Ausmaß der Katastrophe beim Truppenabzug im August 2021 erfassen, das erst nachträglich ans Licht kam. Das gilt u. a. für die gigantischen Waffenbestände im Wert von vielen Milliarden Dollar, die den Taliban in die Hände fielen. Die politisch und organisatorisch Verantwortlichen, Joe Biden und die CIA, kommen daher in seinem Artikel viel zu gut davon bzw. gar nicht vor.

Dennoch entfaltet der Artikel eine enorme politische Durchschlagskraft. Das gilt insbesondere dann, wenn man ihn durch den zwei Monate später geschriebenen Zweiteiler "Der Triumph der Taliban" von Uwe G. Kranz ergänzt - im Blog-Teil dieser Homepage. 

Die Gesamtbotschaft lautet dann: Die Sicherheit der freien westlichen Zivilisation ist existenziell bedroht - am meisten durch Kräfte in den eigenen Reihen, die nicht an friedlichen Lösungen interessiert sind, weil sie im gigantischen Ausmaß am Krieg verdienen.

 

 

Die Taliban haben bereits 2001 kapituliert –  doch George Bush führte einen Krieg um Öl und ein Imperium 

Richard W. Behan

Am 5. Dezember 2001 boten die Taliban in einem US-Spezialkräftelager nahe Kandahar, Afghanistan, die bedingungslose Kapitulation an. Sie würden sich auflösen und entwaffnen: Es sollte keine militärische Einheit mehr geben.

George W. Bush ignorierte das Angebot und griff die Taliban bis zum Ende seiner Amtszeit weiter an. Die Taliban wehrten sich, wenn auch nur aus Notwehr, und erlangten schließlich die Initiative auf dem Schlachtfeld zurück. Barack Obama kämpfte acht weitere Jahre gegen die Taliban. Donald Trump tat dies die nächsten vier Jahre.

George Bush entfesselte einen Krieg um Öl und ein Imperium und marschierte ohne Provokation in zwei souveräne Staaten ein. Er verstieß gegen das Völkerrecht.

Zwanzig Jahre später, nach dem Verlust Tausender Menschenleben und Billionen von Dollar, zog Präsident Biden die amerikanischen Truppen aus Afghanistan ab – und erntete heftige Kritik für den darauffolgenden chaotischen Abzug.

Wie pervers wir doch geworden sind! Wir tadeln Präsident Biden für das unschöne Ende des Krieges in Afghanistan und versäumen es, George Bush für dessen illegalen Beginn zur Rechenschaft zu ziehen.

George Bush entfesselte einen Krieg um Öl und ein Imperium und marschierte ohne Provokation in zwei souveräne Staaten ein. Er verstieß gegen das Völkerrecht.

Innerhalb von zehn Tagen nach seinem Amtsantritt beschloss die Bush-Regierung den Einmarsch in den Irak. Lange vor dem 11. September war der Angriff auf Afghanistan geplant. Keiner der beiden geplanten Einmarsche hatte im Geringsten etwas mit Terrorismus zu tun: Die Ziele waren der präventive Zugang zum irakischen Öl und eine Pipeline-Trasse durch Afghanistan für den Unocal-Konzern. Der 11. September bot ein spektakuläres und glücklicherweise passendes Alibi; Präsident Bush erklärte den „Krieg gegen den Terror“ und begann seine geplanten Kriege.

Osama bin Laden wurde als ikonischer Terrorist dargestellt, der für die Planung des 11. September gefasst werden sollte. Doch George Bush hätte von seinem ersten Amtstag an, dem 20. Januar 2001, mit den Taliban verhandeln können, um Osama bin Laden zu eliminieren oder ihn in US-Gewahrsam zu überführen. Das war das ständige Angebot der Taliban Ende 2000, mit dem sie nach Bin Ladens Bombenanschlag auf die USS Cole die Gunst der USA zurückgewinnen wollten. Die Bush-Regierung lehnte das Angebot viermal vor dem 11. September und ein weiteres Mal fünf Tage später ab. 

Auch Saddam Hussein galt als unerträgliche terroristische Bedrohung. Ein Regimewechsel war notwendig, um ihn zu entmachten. Im Februar 2003 bot Saddam Hussein an, freiwillig ins Exil in die Türkei, nach Ägypten oder Saudi-Arabien zu gehen. Hier wurde George Bush ein friedlicher Regimewechsel quasi auf dem Silbertablett serviert. Das Angebot wurde jedoch abgelehnt. George Bush brauchte lebende, frei herumlaufende Terroristen in Afghanistan und im Irak, um seinen „Krieg gegen den Terror“ glaubwürdig zu machen. Das Pipeline-Projekt hatte oberste Priorität. Am 7. Oktober 2001 begann die Invasion Afghanistans, doch die Milliarden Barrel irakischen Öls waren stets präsent. Sieben Wochen später, am 27. November 2001, ordnete der Präsident dem Verteidigungsministerium die Planung des Einmarsches in den Irak an. (Das war elf Monate, bevor der Kongress ihn genehmigte.) Die Angriffe endeten in einem Fiasko. Zwar sind heute noch einige amerikanische Ölkonzerne im Irak aktiv, doch spielen sie kaum eine Rolle inmitten der zahlreichen anderen Firmen aus Ägypten, Italien, Japan, Frankreich, Österreich, Großbritannien, Kanada, Ungarn, Indien, Norwegen sowie der mit Abstand größten Vertragspartner Russland und China.

Afghanistan befindet sich in einem Zustand brodelnden Chaos. Die amerikanische Pipeline durch das Land wird nicht gebaut werden: Zwanzig Jahre immenser Kosten an Menschenleben und Ressourcen – völlig umsonst. Diese Kosten hätten vermieden werden können: Die Gewalt in Afghanistan hätte zwei Monate nach George Bushs Entscheidung beendet sein können.

Der amerikanische Journalist Anand Gopal erzählt die Geschichte mit außergewöhnlicher Autorität. Er zog 2008 nach Afghanistan, lernte die Sprache und bereiste das Land vier Jahre lang frei.

Sein Buch „No Good Men Among the Living: America, the Taliban, and the War Through Afghan Eyes“ erschien 2014.

Es schildert die Kapitulation der Taliban:

Mit dem Rücken zur Wand verfasste Mullah Omar [Anführer der Taliban] einen Brief an Hamid Karzai, in dem er seine Ernennung zum Interimspräsidenten anerkannte. Der Brief räumte auch Omars Ministern, Stellvertretern und Beratern das Recht zur Kapitulation ein.

Am 5. Dezember 2001 traf eine Taliban-Delegation im US-Spezialkräftelager nördlich von Kandahar ein, um offiziell die Macht abzugeben. Die Taliban gelobten, sich aus der Politik zurückzuziehen und in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Entscheidend war auch die Vereinbarung, dass ihre Bewegung die Waffen abgeben würde, wodurch die Taliban faktisch nicht länger als militärische Einheit agieren konnten. Es würde keinen Dschihad und keinen Widerstand der Taliban gegen die neue Ordnung geben.

Eine ähnliche Beschreibung der Kapitulation erschien sieben Jahre später:

Kaum zwei Monate nach dem Einmarsch der USA in Afghanistan im Oktober 2001 zeichnete sich das Scheitern der US-Mission ab.

„Morgen werden die Taliban mit der Waffenabgabe beginnen“, verkündete der Taliban-Sprecher Mullah Abdul Salam Zaeef am 7. Dezember 2001. „Ich denke, wir sollten nach Hause gehen.“ Doch die Vereinigten Staaten lehnten die Kapitulation der Gruppe ab und schworen, weiterzukämpfen, um den Einfluss der Taliban im ganzen Land zu brechen.

Die Annahme der Kapitulation hätte einen großen Sieg im „Krieg gegen den Terror“ bedeutet. Doch George Bush führte einen Krieg um Öl und sein Imperium, und ein Sieg hätte ihn vor enorme taktische Schwierigkeiten gestellt: Ohne Feind hätte er seine Truppen im Nahen Osten demobilisieren und nach Hause holen müssen. Das konnte er nicht hinnehmen: Der große Preis, das irakische Öl, war noch nicht gewonnen, also musste der Kampf im Nahen Osten – als „Krieg gegen den Terror“ – fortgesetzt werden, bis die Invasion des Irak geplant, vom Kongress genehmigt und der amerikanischen Bevölkerung verkauft werden konnte. Das Angebot der Taliban wurde schlichtweg abgelehnt, und die Kämpfe dauerten an – zwanzig Jahre lang.

Und nun hat Präsident Biden den Einsatz in Afghanistan beendet und damit eine demütigende Niederlage erlitten. Die Taliban, die einst ihre Entwaffnung und Auflösung angeboten hatten, haben die Kontrolle über Afghanistan übernommen. Die nationalen Medien erkennen die Niederlage an, verkünden aber als Wiedergutmachung „das Ende von Amerikas längstem Krieg“. Das ist grob irreführend: Die amerikanische Militärgewalt im „Krieg gegen den Terror“ wütet weiter. US-Kampftruppen sind weiterhin im Irak, in Syrien, Libyen, Kenia, Somalia, Jemen, Jordanien, Kuwait, Dschibuti, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei, den Philippinen und Zypern stationiert, und wir führen in 61 weiteren Ländern weltweit Operationen zur Terrorismusbekämpfung durch.

Dieser Wahnsinn ist das Erbe der Bush-Regierung, und die nachfolgenden Präsidenten haben nichts unternommen, um ihn zu beenden. Der Truppenabzug aus Afghanistan wäre ein logischer taktischer Rückzug, doch George Bushs Scheinkrieg wird sinnlos fortgesetzt.

Präsident Biden, nutzen Sie den Tag! Benennen Sie den „Krieg gegen den Terror“ als das, was er ist: Betrug, und beenden Sie ihn. Holen Sie alle Truppen nach Hause, aus allen Ländern!

 

 

Dieser Artikel ist auch auf https://lafayetteindependent.org/?q=node/817 veröffentlicht – dort mit folgendem Hinweis: Unsere Arbeit ist unter der Creative Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 3.0) lizenziert. Sie können sie gerne weiterveröffentlichen und verbreiten.

 

RICHARD W. BEHAN

Richard W. Behan ist emeritierter Professor für Naturschutzpolitik an der University of Montana. Bis 2009 veröffentlichte er rund 40 Essays auf verschiedenen Internetseiten, in denen er die kriminellen Machenschaften der Bush-Regierung kritisierte. Die Art der Kriege von George Bush ist erneut zu einem politischen Thema geworden, was ihn dazu veranlasste, wieder zu schreiben.